Eine Straße wird zum Kunst-Projekt

Ham­bur­ger Stu­den­ten er­öff­nen auf der Ulz­bur­ger Stra­ße die „Kunst-Apo­the­ke“ – ei­ne Hoch­schu­le auf Zeit

ANDREAS BURGMAYER im Hamburger Abendblatt, Norderstedt

Bildschirmfoto 2017-05-04 um 19.41.30

„Spüren Sie den Raum!“: Kunststudenten der Medical School Hamburg und Gäste in der ehemaligen Apotheke an der Ulzburger Straße 310

NOR­DER­STEDT Kunst – ein­fach so, in ei­nem aus­ge­wei­de­ten La­den­lo­kal in zwei­ter Rei­he an der Ulz­bur­ger Stra­ße 310. Das A wie Apo­the­ke an der Schei­be ver­rät, dass es hier mal um Pil­len und Heil­ver­spre­chen ging. Nun stol­pert man in den Raum mit sei­nen kah­len Wän­den, den halb­sei­tig auf­ge­mei­ßel­ten Be­ton­säu­len, an de­nen die Be­weh­rung un­ter dem Putz her­vor­scheint, mit sei­nem Tep­pich­bo­den, der qua­drat­me­ter­wei­se auf­ge­ris­sen da­liegt und mieft, mit sei­ner ver­wais­ten, ge­rä­te­lo­sen Kü­che und den nutz­los ge­wor­de­nen Schie­be­schrän­ken, in de­nen frü­her Me­di­ka­men­te la­ger­ten. Und mit­ten­drin im La­den­lo­kal steht Ruth Apio Ulu­dii, Kunst­stu­den­tin der Me­di­cal School Ham­burg, und for­dert das Dut­zend Men­schen im Raum auf: „Ge­hen Sie durch den Raum! Ge­hen Sie schnell. Ge­hen Sie lang­sam! Ge­hen Sie in Zeit­lu­pe! Spü­ren Sie den Raum! Wech­seln Sie die Per­spek­ti­ve!“

Kunst durch­kreuzt den All­tag und zwingt nach­zu­den­ken

Al­le hier hät­ten ei­gent­lich ge­ra­de was an­de­res, ver­meint­lich bes­se­res zu tun, als in ei­nem leer ste­hen­den La­den­lo­kal Ge­h­übun­gen zu ma­chen. Ge­schäfts­leu­te wie Hen­ning Schur­bohm zum Bei­spiel, der jetzt sein Elek­tro­tech­nik-Un­ter­neh­men Elek­tro Als­ter Nord füh­ren müss­te, die Ver­tre­te­rin des Im­mo­bi­li­en-Ver­wal­ters Po­ten­berg, die jetzt die ehe­ma­li­ge Apo­the­ke an den Mie­ter brin­gen müss­te, oder die Lo­kal­jour­na­lis­ten, die jetzt ih­re Be­rich­te und Bei­trä­ge fer­tig re­cher­chie­ren und in die Re­dak­tio­nen zu­rück­fah­ren müss­ten. Statt­des­sen aber lau­fen al­le durch den Raum und spü­ren.

„Kunst, die den All­tag un­ter­bricht, die mit Men­schen ar­bei­tet, sie dort ab­holt, wo sie sich ge­ra­de be­fin­den“, sagt Ma­ri­el Renz. Sie ist Pro­fes­so­rin an der Me­di­cal School Ham­burg für den Ba­che­lor-Stu­di­en­gang Ex­pres­si­ve Arts in So­ci­al Trans­for­ma­ti­on, ei­ne Um­schrei­bung für die Idee, Stu­den­ten mit den Grund­la­gen künst­le­ri­schen Ar­bei­tens ver­traut zu ma­chen, da­mit sie spä­ter die Kunst in all ih­ren Aus­drucks­for­men als He­bel an­set­zen kön­nen, um die har­te Scha­le zu kna­cken, die Men­schen um sich, ih­re Ge­füh­le, Wün­sche oder Pro­ble­me ge­bil­det ha­ben. Die Künst­ler wir­ken spä­ter in den Schu­len, im Straf­voll­zug, im Mu­se­um, in Un­ter­neh­men, sie hel­fen Kin­dern und Er­wach­se­nen, Al­ten und Kran­ken in Kri­sen­si­tua­tio­nen.

Und eben hier, an der Ulz­bur­ger Stra­ße, in ei­ner Ex-Apo­the­ke, di­rekt in ei­nem sich wan­deln­den Stadt­teil – von der schnö­den Durch­fahrts­stra­ße mit La­den­zei­len zu ei­nem Bou­le­vard mit kul­tu­rel­ler Mul­ti­funk­ti­on – und ei­ner Un­ter­neh­mer­schaft, die mehr ge­ben will als nur Son­der­an­ge­bo­te. So­ci­al Trans­for­ma­ti­on eben.

40 Stu­den­ten der Me­di­cal School ha­ben die „Kunst-Apo­the­ke“ er­öff­net, wer­den hier in den kom­men­den Mo­na­ten bis zum Som­mer Vor­le­sun­gen hö­ren, sie wer­den sich auf Ab­schluss­prü­fun­gen vor­be­rei­ten, und sie wer­den al­le künst­le­ri­sche Theo­rie im Nor­der­sted­ter For­schungs­feld an der Ulz­bur­ger Stra­ße in die Pra­xis um­set­zen. Was das ge­nau heißt? War­ten wir mal ab. Es ist ein of­fe­ner Pro­zess. Nur so viel: Jun­ge Künst­ler wer­den in der „Kunst-Apo­the­ke“ öf­fent­lich ar­bei­ten, Bür­ger zum Mit­ma­chen ani­mie­ren, Pas­san­ten auf der Ul­ze mit Kunst über­ra­schen und Fra­ge­zei­chen hin­ter die vie­len Aus­ru­fe­zei­chen des All­tags set­zen.

Es ist die ers­te Hoch­schu­le auf Zeit in Nor­der­stedt, wie es die Stadt Nor­der­stedt ti­tu­liert. Oder ein „Whow-Pro­jekt“, wie es Hen­ning Schur­bohm be­zeich­net. „Man könn­te uns fra­gen, was das uns Händ­lern bringt“, sagt der Vor­sit­zen­de der In­ter­es­sen­ge­mein­schaft der Kauf­leu­te an der Ulz­bur­ger Stra­ße (IKUS). Nun: Auf­merk­sam­keit für die Ein­kaufs­mei­le und Le­ben in der an­sons­ten leer ste­hen­den (Ex-Apo­the­ken-)Bu­de. Drei Jah­re ha­be der IKUS an der „Whow-Idee“ ge­feilt, bis Kauf­mann Man­fred Fitz (Si­cher­heits­tech­nik) sei­ne Toch­ter und de­ren Stu­di­um an der Me­di­cal School Ham­burg ins Spiel brach­te. Dort war man an­ge­tan und über­rascht, von Kauf­leu­ten, die was wa­gen wol­len, die so­zio-kul­tu­rel­le Ver­ant­wor­tung fürs Quar­tier über­neh­men und be­reit sind, Kunst aus dem eli­tä­ren in den ba­nal-all­täg­li­chen Raum zu zie­hen.

Er­grei­fen­des En­de ei­ner spon­ta­nen Per­for­mance

„Nun neh­men Sie bit­te Stift und Pa­pier und schrei­ben Sie auf, was Sie den­ken!“ Ruth Apio Ulu­dii bremst die im Raum Um­her­schwei­fen­den aus. Al­le schrei­ben, no­tie­ren das, was ih­nen eben so aus dem Kopf fällt. Und das ist – ver­blüf­fend. Denn plötz­lich wird al­len zu­fäl­lig an der Per­for­mance Be­tei­lig­ten klar, wie viel es über die­sen lee­ren Raum zu sa­gen gibt. Und als Ruth Apio Ulu­dii ih­ren poe­ti­schen Text vor­liest, thea­tra­lisch in­sze­niert mit dem hal­lend-me­tal­li­schen Klang ih­rer stamp­fen­den Fü­ße auf den Stu­fen der Trep­pe zum Kel­ler, ist das ein klei­nes Er­eig­nis. So stark, dass Kat­ja Han­nen von Po­ten­berg Im­mo­bi­li­en sagt: „Un­glaub­lich, was die­se Wor­te aus die­sem Raum ge­macht ha­ben – das ist er­grei­fend.“ Ein ein­deu­ti­ges Plä­doy­er für mehr da­von.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.